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Der NSU-Komplex

Zwischen 2000 und 2007 ermordete der „Nationalsozialistische Untergrund“ (kurz „NSU“, Selbstbezeichnung des rechtsterroristischen Netzwerks) in Deutschland zehn Menschen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter (v.l.n.r.).

Bild zeigt die Gesichter der 10 Mordopfer des NSU:

Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter (v.l.n.r.).
Illustration: Hendrik Jonas

Bei drei vom NSU verübten Sprengstoffanschlägen in Nürnberg und Köln wurden viele Menschen schwer verletzt und traumatisiert. Die Ermordeten und die Anschlagsopfer standen mitten im Leben, die meisten von ihnen waren Selbstständige oder betrieben kleine Unternehmen. Durch insgesamt 15 bewaffnete Raubüberfälle wurden viele weitere Menschen physisch und psychisch verletzt.

Der NSU verübte die Morde und Sprengstoffanschläge in sechs verschiedenen Bundesländern. Dass neun von zehn Morden mit derselben Tatwaffe verübt wurden und neun der zehn Opfer eine Migrationsbiografie besaßen, ließ auf eine zusammenhängende Mordserie schließen. Die polizeilichen Ermittlungen nahmen jedoch kein rassistisches oder neonazistisches Tatmotiv an. Stattdessen stigmatisierten sie häufig die Betroffenen selbst und unterstellten Verbindungen in die organisierte Kriminalität. Die meisten Medien übernahmen die polizeilichen Annahmen und verstärkten diese mit diskriminierenden Begriffen. Auch die Mehrheitsgesellschaft hinterfragte die rassistischen Annahmen von Ermittlungsbehörden und Berichterstattung nicht.

Der NSU wurde nicht durch erfolgreiche Ermittlungsarbeit der Sicherheitsbehörden aufgedeckt, sondern er enttarnte sich im Jahr 2011 selbst. Sein Auffliegen erschütterte die Gesellschaft, da es eine im Nachkriegsdeutschland bislang unbekannte Dimension rechten Terrors, staatlichen Behördenversagens und Rassismus offenbarte. Diese größte rechtsterroristische Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik stellte eine Zäsur dar und erschütterte grundlegende Annahmen darüber, wie Sicherheitsbehörden arbeiten und wie in Deutschland mit rechter Gewalt umgegangen wird.

Bis heute ist der NSU-Komplex nicht vollständig aufgeklärt. Vor allem dem Engagement der Betroffenen der Anschläge und den Angehörigen der Mordopfer, ihrer Kraft und ihrem Widerstand ist es zu verdanken, dass Bewegung in die Aufarbeitung kam. Sie fordern bis heute eine lückenlose Aufklärung und ein würdevolles Gedenken. Einige sprechen über ihre Erlebnisse regelmäßig in der Öffentlichkeit, vor Schulklassen oder haben ein Jugendbuch geschrieben. Sie alle eint der Appell, keinen Schlussstrich unter den NSU-Komplex zu ziehen.

Wieso sprechen wir von einem Komplex?

Wir sprechen vom NSU-Komplex, weil der NSU nicht zu dritt war. Seine Taten wurden durch ein neonazistisches Unterstützungsnetzwerk, aber auch gesellschaftliches und staatliches Versagen ermöglicht. Ein Komplex ist per Definition vielschichtig, verflochten und hat viele Einzelteile. Der Begriff lenkt den Blick von den einzelnen Verbrechen hin zu den vielfältigen Akteur:innen, die sie (mit) zugelassen haben.

Zentral für die Ermöglichung der Terrorserie ist die Neonazi-Szene. Aus ihr ging der NSU hervor und von ihr erhielt er entscheidende Unterstützung für die Durchführung seiner Taten. Hierzu zählen das Anmieten von Wohnungen und Fahrzeugen, das Besorgen der Tatwaffen, das Leihen verschiedener Ausweisdokumente, die Beschaffung von Geld und Kontakten. Eine gefestigte rassistische und neonazistische Ideologie und die Bereitschaft diese mit Gewalt durchzusetzen waren der Antrieb hinter den Verbrechen.

Doch frei von Rassismus – wenn auch weniger fanatisch und mitunter unbewusst – waren auch andere gesellschaftliche Gruppen nicht. In den Ermittlungsbehörden wurden immer wieder die Opfer, Angehörigen und Überlebenden selbst verdächtigt, in die Verbrechen verstrickt zu sein. In den Augen der Ermittler:innen machte die Herkunft der Opfer diese automatisch der Kriminalität zugeneigt. Der NSU-Komplex liefert damit schwerwiegende Beispiele von institutionellem Rassismus in Deutschlands Sicherheitsbehörden.

Den Verfassungsschutzbehörden war der Schutz ihrer V-Personen und somit die Beibehaltung ihrer Quellen in der Neonazi-Szene wichtiger als der Schutz der Opfer und die Verhinderung weiterer Morde. Medien übernahmen die rassistischen Vorannahmen der Polizei und operierten in ihrer Berichterstattung mit diffamierender Sprache. Die Mehrheitsgesellschaft erkannte erst nach der Selbstenttarnung des NSU den rassistischen Charakter der Mordserie, anders als viele Migrant:innen, die spätestens ab 2006 von rechten Tätern ausgingen. Die Demonstrationen unter dem Motto „Kein 10. Opfer“ in Kassel und Dortmund im Sommer 2006 mit ca. 4.000 Personen offenbaren diese frühe Einsicht, insbesondere seitens der Familien der Mordopfer.

Das Zusammenwirken dieser unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen erlaubte es dem NSU, mehr als 13 Jahre unentdeckt rassistisch und neonazistisch motivierte Gewalttaten zu verüben.

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