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Neuigkeiten

3. August 2026

Interview mit Art Scout Charlotte

In unserer Ausstellung trefft ihr nicht nur unsere Gastgeberinnen und Gastgeber an – es ist auch immer ein Art Scout vor Ort, der euch für Fragen zur Verfügung steht. Die Art Scouts sind täglich präsent, bieten Führungen an und unterstützen euch bei allem rund um die Ausstellung. Wen könnte man also besser zur Ausstellung befragen als sie?

Hallo Charlotte, schön, dass du hier bist! Du bist ja schon seit unserer Eröffnung im Mai 2025 dabei und damit heute die perfekte Ansprechpartnerin für mich. Meine erste Frage: Kannst du dich uns noch einmal vorstellen und erzählen, wie du zu deiner Tätigkeit hier gekommen bist?

Ich bin Charlotte und arbeite selbstständig in der Medienkunst sowie in der kulturellen Bildung in Sachsen. Seit der Eröffnung des Dokumentationszentrums im Mai 2025 bin ich Teil von „Offener Prozess“. Angefangen habe ich als freie Vermittlerin und bin kurz darauf auch Teil des Art-Scout-Teams geworden. (…)

Vielen Dank für den Einblick. Der Begriff „Art Scout“ ist nicht ganz selbsterklärend – was bedeutet diese Tätigkeit für dich?

Die Rolle des Art Scouts verbindet klassische Kunstvermittlung mit politischer Bildung zu rechtem Terror und vor allem mit dem direkten Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern. Einerseits heißt das, dass wir im Ausstellungsraum ansprechbar sind und auf inhaltliche Fragen zum NSU-Komplex oder zu den ausgestellten Arbeiten eingehen. Andererseits stellen wir in öffentlichen Führungen den Aufbau der Ausstellung vor und gestalten den Zugang zu den künstlerischen Arbeiten aktiv mit.

Für mich persönlich bedeutet die Tätigkeit vor allem viele bewegende Gespräche. Sie führen immer wieder zu eigenen Reflexionen und lassen mich trotz der bedrohlichen Alltäglichkeit rechter Parolen auch Hoffnung spüren. Deshalb freue ich mich über jede neugierige Nachfrage und die Geschichten der Besucherinnen und Besucher.

Danke dir, das klingt sehr facettenreich. Worum geht es für dich im Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex?

Das Dokumentationszentrum ist ein vielfältiger Ort, den Menschen auf unterschiedliche Weise nutzen und mitgestalten. Gemeinsam ist dabei der Auftrag, die Stimmen derjenigen in den Mittelpunkt zu stellen, die vom rechtsextremen Terror des NSU ermordet oder geschädigt wurden.

Dazu gehören die Lebensgeschichten von Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter sowie die Erfahrungen ihrer Angehörigen und die der Überlebenden der Anschläge und Raubüberfälle. Für mich ist der Ort deshalb vor allem eine Einladung zum Erinnern, Nachdenken und Begegnen. (…)

Und wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Die Ausstellung „Offener Prozess“ ist in Kapitel gegliedert, die jeweils mit Aussagen von Angehörigen der Mordopfer überschrieben sind. Das erste Kapitel widmet sich den Lebensgeschichten der Ermordeten sowie den Tatorten und Betroffenen der drei Sprengstoffanschläge in Nürnberg und Köln. Es folgen unter anderem künstlerische Arbeiten und Infografiken, die sich mit den schwerwiegenden Fehlern und Versäumnissen von Polizei, Verfassungsschutz und Medien sowie mit der lückenhaften juristischen Aufarbeitung des NSU-Komplexes auseinandersetzen.

Gleichzeitig machen die Arbeiten den langjährigen Aktivismus der Betroffenen und das vielfältige zivilgesellschaftliche Engagement sichtbar, ohne das es das Dokumentationszentrum nicht gäbe. Am Ende steht die Forderung „Kein Schlussstrich!“. Sie macht deutlich, dass der NSU-Komplex, das Engagement und auch die Ausstellung selbst als unabgeschlossen zu verstehen sind. (…) Auch auf den Fensterscheiben des Dokumentationszentrums sind Forderungen sichtbar, die Angehörige und Betroffene weiterhin stellen.

Zum Schluss noch eine Frage, die mich besonders interessiert: Gibt es eine Arbeit oder einen Bereich in der Ausstellung, der für dich besonders heraussticht?

Es gibt viele Arbeiten, die mich immer wieder bewegen. Besonders empfehle ich, sich am Anfang Zeit für die Videoarbeit „TAKDIR. Die Anerkennung“ von Ülkü Süngün zu nehmen, die Aussprache der Namen der Mordopfer zu üben und sich dabei selbst zu beobachten (#saytheirnames). Viele Arbeiten zeigen außerdem, welche wichtige Rolle Kunst im Sprechen über rassistische und antisemitische Gewalt sowie über (post-)migrantisches Leben in Deutschland spielt. Deshalb möchte ich auch die Videoarbeit „Babenhausen“ von Hito Steyerl hervorheben. Sie verbindet bereits seit den 1990er-Jahren dokumentarisches Arbeiten, Kunst und Aktivismus – ganz im Sinne der Ausstellung.

Vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in deine Arbeit!

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09111 Chemnitz
E-Mail: info@offener-prozess.de