Forschung
Recherchesprechstunde
Du hast ein Projekt zum NSU-Komplex, Rechtsruck, migrantischen Perspektiven oder Ostdeutschland?
In der monatlichen Forschungssprechstunde unterstützen wir dich bei der Recherche zu Abschluss- und Seminararbeiten sowie anderen Formaten!
Wir geben dir einen Überblick zur Literatur, Hinweise zur Recherche in unserem Archiv und Kontakte zu möglichen Interviewpartner:innen.
Termine
4.6., 2.7., 13.8. & 10.9.
jeweils 15:00 – 16:30 Uhr // Ohne Anmeldung
Fragen gerne per Email an Forschung[at]offener-prozess.de

Oral-History-Projekt:
Baseballschlägerjahre in Chemnitz und Südwestsachsen
Mit dem Hashtag Baseballschlägerjahre setzte der Journalist Christian Bangel 2019 bei Twitter (jetzt X) einen Selbstverständigungsprozess in Gang (vgl. Bangel 2019). Angeregt durch einen Text des Musikers Hendrik Bolz berichteten (vornehmlich ostdeutsche) Menschen von ihren Gewalterfahrungen durch Neonazis und rechte Gruppierungen in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren.1 In dieser Zeit wurden nicht-rechte Jugendliche, vermeintlich migrantisierte Personen und von sozialdarwinistischen Zuschreibungen betroffene Menschen wie z.B. Wohnungslose Opfer rechter Gewalt.
Nach 2019 ist der Begriff Baseballschlägerjahre zu einer Chiffre geworden (vgl. Schwenzer 2021): Mit ihm werden kollektive Erfahrungen eines gesellschaftlichen Kontrollverlusts nach 1989 verarbeitet, in denen sich die betroffenen Subjekte institutionell und persönlich grundlegend allein gelassen gefühlt haben. Zu konstatieren ist retrospektiv ein breites Versagen von Schule, medialer Öffentlichkeit, Sicherheitsbehörden, Politik, Zivilgesellschaft, Jugendarbeit bis hin zu den Elternhäusern. Die anomische, vermeintlich ordnungslose Zeit der Transformationsphase nach dem Ende der DDR rührte daher, dass die alten Institutionen zerfielen, Neue aber noch nicht etabliert worden waren.
So verstanden stellt die Zeit der Baseballschlägerjahre den entscheidenden Sozialisierungskontext für die Unterstützerstrukturen und das Kerntrio des NSU dar. Die gemeinsame Erfahrung des Zusammenbruchs der DDR-Ordnung manifestierte sich in einem Kontrollverlust und einer Orientierungslosigkeit, die bei diesen Gruppen zu Re-souveränisierungsgelüsten und gewaltförmigen Versuchen von Kontrollwiederaneignung führten. Für das Netzwerk des NSU wurde dieser Zusammenhang in Bezug auf die sogenannte akzeptierende Jugendarbeit bereits eindrücklich dargestellt (vgl. Bendiek, Starosta 2021).
Mit dem Begriff Baseballschlägerjahre soll indes nicht ein klar abgrenzbarer Zeitabschnitt suggeriert werden, vor und nach dem die Situation bezüglich menschenfeindlicher und rassistischer Einstellungen grundlegend anders gelagert gewesen wäre. Vielmehr soll der Begriff eine kollektive Erfahrung markieren, in der der Zusammenbruch der realsozialistischen Gesellschaftsordnung als katalytischer Moment für das offene Ausleben von Gewalt fungierte. Die allmähliche Etablierung bundesdeutscher Strukturen und Regularien in Jugendarbeit, Polizei, Justiz und Schule im Verlauf der 1990er-Jahre und nicht zuletzt die Etablierung einer (professionalisierten) Zivilgesellschaft ab den frühen 2000er-Jahren bewirkten eine größere Sichtbarkeit und gesellschaftliche Aufmerksamkeit für rechte Gewalt und entsprechende Einstellungsmuster. Ein Ende der Gewalt markiert dies indes nicht. Vielmehr gewinnt die derzeitige Thematisierung der Baseballschlägerjahre seine Dringlichkeit aufgrund der Wiederkehr von rechter (Jugend-)Gewalt mit ganz ähnlicher Ästhetik und politischen Codes.
Das Oral-History-Projekt stellt den Versuch dar, die Betroffenen in einem öffentlichen Diskurs hör- und sichtbar werden zu lassen. Gerade da deren Erfahrung damals unsichtbar gemacht wurde, will sich diese Praxis als Aufarbeitung der Vergangenheit verstehen, die, nachholend, die Folgen von Versäumnissen wenn nicht lindern, so doch zumindest in den Blick nehmen möchte.
Eine erste Erzählwerkstatt zu den Baseballschlägerjahren im August 2025, bei der drei Betroffene aus Chemnitz von ihren Erfahrungen berichteten, zeigte die Dringlichkeit des Themas: Zum einen unterstrichen die Podiumsteilnehmer:innen die Wichtigkeit, dass es endlich einen Ort und die Möglichkeit gab, vergangene, teils traumatische Erfahrungen aussprechen zu können und damit gehört zu werden. Zum anderen zeigten die Reaktionen und Statements des Publikums, dass dies keineswegs nur als Vergangenheitsbewältigung betrachtet wird. Erinnern wird auf diese Weise von uns als dezidiert politischer Akt verstanden, in der Vergangenheit sich mit einer bedrohlichen Gegenwart kurzschließt und in der im Medium des berichteten Erfahrenen die langen Linien und Kontinuitäten rechter Vergemeinschaftung auf den Begriff gebracht werden können.
Zu diesem Zweck werden leitfadengestützte Interviews mit Betroffenen aus der Region geführt und diese aufgezeichnet. In einem geschützten Rahmen und mit verbindlichen Abmachungen zur späteren Nutzung dieser Mitschnitte soll gleichermaßen der Raum für Emotionen und bisher Unausgesprochenes eröffnet werden, als auch eine thematische Fokussierung auf bestimmte Themenfelder ermöglicht werden.
Die entstehenden Interviews und Transkripte gehen in den Bestand des Archivs über. Dort sollen sie, je nach Freigabe der Interviewten, einem eingegrenzten Personenkreis zur Arbeit zur Verfügung stehen: Journalist*innen, Künstler*innen, Studierenden, Forscher*innen und Mitarbeiter*innen von Offener Prozess.
Durch die Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz bieten sich dazu beispielsweise Lehrforschungsprojekte und die Vergabe von Abschlussarbeiten etc. an, in denen die Interviews als Primärquelle dienen können. Denkbar sind jedoch auch Audioformate wie Podcasts, Verwendung von Zitaten für Theaterstücke und Ähnliches.
Zusammen mit dem sozialwissenschaftlichen und literarischen Quellenkorpus sowie einer Sammlung zeitgenössischer, lokaler Zeitungsartikel und den Ressourcen des Dokumentationszentrums ergibt sich auch für externe Wissenschaftler*innen und Studierende die Möglichkeit, Forschungsprojekte unter großem öffentlichen Interesse durchzuführen.
Bangel, Christian (2019): Baseballschlägerjahre. Prügel, Drohungen, Beleidigungen – in den Nachwendejahren dominierten Neonazis vielerorts den ostdeutschen Alltag. Nun erzählen Hunderte Menschen aus Ost und West, was sie damals erleiden mussten. In: Die Zeit, 7.11.2019. URL: https://www.zeit.de/2019/46/neonazis-jugend-nachwendejahre-ostdeutschland-mauerfall (abgerufen am: 16.10.2025).
Bendiek, Lisa; Starosta, Danilo (2021): „Im Jugendclub gab es nur Glatzen“. Rechte Subkulturen, Jugendarbeit und Gewalt im Chemnitzer Fritz-Heckert-Gebiet von
