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Viele Personen sitzen an mehreren Tischen in einem modernen Raum. Im Hintergrund ist eine Ausstellung und Vorhänge zu sehen. Die Menschen bemalen Keramik und unterhalten sich.

Unser Willkommensbereich stellt sich vor

von Hanna Thuma

Wir sind mehr als nur eine  Ausstellung. Auf Wunsch der Angehörigen der Opfer des NSU verstehen wir uns als ein Ort der Begegnung und des Lebens. Diesem Anliegen ist der gesamte vordere Teil unserer Ausstellung gewidmet: unser Willkommensbereich.

Hier könnt ihr vor, während oder auch unabhängig von eurem Ausstellungsbesuch einen kostenfreien türkischen Çay genießen sowie Obst, Snacks oder mitgebrachtes Essen zu euch nehmen. Ihr seid jederzeit eingeladen, einfach vorbeizukommen – vielleicht, weil euch unser Çay besonders gut schmeckt und ihr ins Gespräch kommen möchtet, oder weil ihr eines unserer regelmäßigen offenen Angebote nutzen wollt.

Ihr könnt bei uns Keramik bemalen, Unterstützung bei Hausaufgaben erhalten und künftig auch unkompliziert einen Spielenachmittag organisieren – vielleicht lernt ihr dabei neue Menschen kennen. Ob ihr euch ausruhen, etwas lesen oder einen ruhigen Ort für eure Mittagspause sucht: Auch dafür sind wir da.

Warum uns das wichtig ist? Erinnerung verstehen wir nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als etwas, das Raum im Alltag braucht – im Austausch miteinander, im gemeinsamen Verweilen oder einfach darin, da sein zu können.

Deshalb setzen wir uns aktiv dafür ein, dass niemand aus finanziellen Gründen oder aufgrund von Beeinträchtigungen ausgeschlossen wird. In einem Runden Tisch arbeiten wir gemeinsam daran, unser Dokumentationszentrum noch barriereärmer und zugänglicher zu gestalten.

Bei uns trefft ihr immer eine:n Gastgeber:in, die oder der euch willkommen heißt, Fragen beantwortet und gern ins Gespräch kommt. Denn wie der Name schon sagt:
Ihr seid bei uns jederzeit herzlich willkommen!

„Was werden Sie tun, wenn Sie in die Türkei zurückkehren?“ / „Sterben!“

von Deniz Arslan

In den 1950er und 1960er Jahren wurden gezielt Menschen angeworben, um in Deutschland zu arbeiten. In Folge des Wirtschaftsbooms in der Nachkriegszeit fehlten Arbeitskräfte und so wurden Verträge zur Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte geschlossen: Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960), der Türkei (1961) und weiteren Ländern. Arbeitslosigkeit wurde die Anwerbung 1973 mit dem sogenannten Anwerbestopp beendet.

Bundeszentrale für politische Bildung

Warum verlässt ein Mensch das Land, in dem er geboren und aufgewachsen ist, um anderswo zu leben? Es gibt auf diese Frage viele mögliche Antworten, doch ihr gemeinsamer Nenner ist vermutlich, dass diejenigen, die gingen, einem Traum folgten. Jeder Mensch hat natürlich seinen eigenen Traum. Träume unterscheiden sich in ihrer Intensität, ihrer sozialen Herkunft, ihren Ansprüchen und ihren Inhalten. Wie viele andere Migrant:innen wurden auch diejenigen, die aus der Türkei, aus Griechenland, Italien, Jugoslawien, aus Nordafrika und aus vielen anderen Regionen der Welt nach Deutschland gezogen sind, von einem solchen Traum angetrieben. Die Details dieser Träume mochten sich voneinander unterscheiden, doch eines hatten sie alle gemeinsam: die Hoffnung auf ein besseres Leben. Ein gutes Leben – nicht nur für sich selbst, sondern auch für diejenigen, die sie mitgebracht hatten, die sie zurücklassen mussten, ja sogar für jene, die noch gar nicht geboren waren.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kamen die sogenannten Gastarbeiter:innen nach Deutschland, weil die Armut in ihrer Heimat erdrückend geworden war. Weil die winzigen Felder, die nach zahllosen Erbteilungen übriggeblieben waren, selbst dann nicht für die ganze Familie gereichten hätten, wenn auf ihnen Gold gewachsen wäre. Weil sie wussten, dass sie ihr Leben nicht in den Fabriken ihrer noch nicht vollständig industrialisierten Herkunftsländer verbringen konnten – ohne Versicherung, ohne Anmeldung, manchmal schlichtweg nur für ein Stück Brot. Und weil das Ideal der Chancengleichheit sich zwar am Horizont abzeichnete, aber die riesigen ländlichen Räume ihrer Heimat noch lange nicht erreicht hatte.

Man darf dabei eines nicht vergessen: Sie sahen Deutschland als eine Chance. So wie Deutschland sie als eine Chance sah.

Die meisten von ihnen wollten nur für ein paar Jahre kommen, arbeiten, etwas Geld für ein Stück Land, einen Traktor oder ein Haus zurücklegen und dann wieder zurückkehren. Und in der Tat gab es auch diejenigen, die genau das taten. Aber manche – viele – konnten nicht zurückkehren, oder kehrten schlicht nicht zurück. Die Gründe dafür wären ein eigenes Thema, doch dieses endgültige Bleiben wirkte wie eine nachträglich eingeführte Spielregel, die das mühsam austarierte Gleichgewicht völlig durcheinanderbrachte. Es stellte sowohl die Gastgeber als auch die Gäste vor eine unerwartet schwierige Situation.

Die Absicht der Gastgeber, die sie von Anfang an „Gastarbeiter“ nannten, war klar. Ein Gast ist per Definition jemand, der kommt, um wieder zu gehen, sobald der Besuch vorbei ist. Die Zugewanderten sollten kommen, in den ihnen zugewiesenen Fabriken arbeiten, in Wohnheimen schlafen, am sozialen Leben des Landes nach Möglichkeit nicht teilnehmen und, sobald man sie nicht mehr brauchte, Deutschland ihren Dank aussprechen und in ihre Heimatorte zurückkehren. Auch ihre eigene Rechnung unterschied sich im Grunde gar nicht so sehr davon. Aber wie es in einem türkischen Sprichwort heißt:

Die Rechnung zu Hause geht auf dem Markt oft nicht auf.

Im Film „Almanya Acı Vatan / Deutschland, bittere Heimat“ wird dem Gastarbeiter, der von der Berliner Regierung als bester Straßenkehrer ausgezeichnet wird, während der Preisverleihung die Frage gestellt, was er tun werde, wenn er in die Türkei zurückkehre. Der Mann antwortet: „Was ich machen werde? Ich werde sterben!“ Der Dolmetscher sagt daraufhin auf Türkisch zu ihm: „Das kann ich so nicht übersetzen, sag bitte etwas Schönes.“

Netzwerktreffen 2026

von Dean Ruddock

Im Mai ist das Dokumentationszentrum ein Jahr alt geworden. Zu diesem Anlass luden wir die Angehörigen der Ermordeten und Überlebenden der Anschläge ein, um unsere Arbeit und unser Team näher kennenzulernen.

Schon in den Vorbereitungen für das Dokumentationszentrum gab es einen langen Partizipations-Prozess (damals geleitet von Arlo Jung), in dem Vertrauen aufgebaut und Ideen zur Gestaltung des Ortes in enger Zusammenarbeit mit Angehörigen und Betroffenen diskutiert wurden.

Die Forderungen, die sich in der Ausstellung, aber auch an der Außenfassade des Dokumentationszentrums finden, wurden zusammen mit dem Künstler Felix Forsbach erarbeitet, der das Gespräch hierzu vorbereitet hat. Eine Kernaufgabe von Offener Prozess ist die Sichtbarmachung dieser Forderungen der Angehörigen der Ermordeten sowie der Überlebenden des NSU.

Nun, ein Jahr nach der Eröffnung galt es einerseits auf das vergangene Jahr zurückzuschauen und Resümee zu ziehen, aber auch Vorschläge für das kommende Jahr zu sammeln und gemeinsam zu diskutieren.

In diesem Rahmen stellten sich die verschiedenen Teilbereiche unseres Hauses vor und berichteten aus dem ersten Jahr ihrer Arbeit: Der Bereich VerLernen erzählte davon, wie Workshops und Bildungsangebote von verschiedenen Zielgruppen angenommen wurden; der Bereich Sammeln & Teilen davon, wie der Aufbau des widerständigen Archivs vorankommt und von dem aktuellen Oral-History-Projekt zu den Baseballschlägerjahren; die Assembly von lokaler Vernetzung mit verschiedenen Gruppen von Menschen, die von rechter Gewalt und Rassismus betroffen sind.

Ganz praktisch wurde es dann bei einem gemeinsamen Critical Walk durch das ehemalige Fritz-Heckert-Gebiet. Hier gab es viele positive Reaktionen auf das Wandbild, mit dem der kritische Stadtrundgang endet. Gelobt wurde auch das Engagement der Anwohnenden, die nach einem Farbangriff schon selbst aktiv wurden und Graffiti von der Tafel zum Wandbild entfernten.

Lydia Lierke, verantwortliche Teamleitung für den Bereich Teilhabe und den Kontakt zu den Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten, blickt auf das Treffen zurück: 

„Ich bin sehr dankbar über den Besuch der Angehörigen und Betroffenen in Chemnitz, ohne ihre politischen Kämpfe und Forderungen würde es das Dokumentationszentrum nicht geben.“

Bild zeigt die Angehörigen der Ermordeten des NSU vor einem großen Wandbild, dass an die Mordopfer erinnert.

Interview mit Art Scout Charlotte

In unserer Ausstellung trefft ihr nicht nur unsere Gastgeberinnen und Gastgeber an – es ist auch immer ein Art Scout vor Ort, der euch für Fragen zur Verfügung steht. Die Art Scouts sind täglich präsent, bieten Führungen an und unterstützen euch bei allem rund um die Ausstellung. Wen könnte man also besser zur Ausstellung befragen als sie?

Hallo Charlotte, schön, dass du hier bist! Du bist ja schon seit unserer Eröffnung im Mai 2025 dabei und damit heute die perfekte Ansprechpartnerin für mich. Meine erste Frage: Kannst du dich uns noch einmal vorstellen und erzählen, wie du zu deiner Tätigkeit hier gekommen bist?

Ich bin Charlotte und arbeite selbstständig in der Medienkunst sowie in der kulturellen Bildung in Sachsen. Seit der Eröffnung des Dokumentationszentrums im Mai 2025 bin ich Teil von „Offener Prozess“. Angefangen habe ich als freie Vermittlerin und bin kurz darauf auch Teil des Art-Scout-Teams geworden. (…)

Vielen Dank für den Einblick. Der Begriff „Art Scout“ ist nicht ganz selbsterklärend – was bedeutet diese Tätigkeit für dich?

Die Rolle des Art Scouts verbindet klassische Kunstvermittlung mit politischer Bildung zu rechtem Terror und vor allem mit dem direkten Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern. Einerseits heißt das, dass wir im Ausstellungsraum ansprechbar sind und auf inhaltliche Fragen zum NSU-Komplex oder zu den ausgestellten Arbeiten eingehen. Andererseits stellen wir in öffentlichen Führungen den Aufbau der Ausstellung vor und gestalten den Zugang zu den künstlerischen Arbeiten aktiv mit.

Für mich persönlich bedeutet die Tätigkeit vor allem viele bewegende Gespräche. Sie führen immer wieder zu eigenen Reflexionen und lassen mich trotz der bedrohlichen Alltäglichkeit rechter Parolen auch Hoffnung spüren. Deshalb freue ich mich über jede neugierige Nachfrage und die Geschichten der Besucherinnen und Besucher.

Danke dir, das klingt sehr facettenreich. Worum geht es für dich im Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex?

Das Dokumentationszentrum ist ein vielfältiger Ort, den Menschen auf unterschiedliche Weise nutzen und mitgestalten. Gemeinsam ist dabei der Auftrag, die Stimmen derjenigen in den Mittelpunkt zu stellen, die vom rechtsextremen Terror des NSU ermordet oder geschädigt wurden.

Dazu gehören die Lebensgeschichten von Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter sowie die Erfahrungen ihrer Angehörigen und die der Überlebenden der Anschläge und Raubüberfälle. Für mich ist der Ort deshalb vor allem eine Einladung zum Erinnern, Nachdenken und Begegnen. (…)

Und wie ist die Ausstellung aufgebaut?

Die Ausstellung „Offener Prozess“ ist in Kapitel gegliedert, die jeweils mit Aussagen von Angehörigen der Mordopfer überschrieben sind. Das erste Kapitel widmet sich den Lebensgeschichten der Ermordeten sowie den Tatorten und Betroffenen der drei Sprengstoffanschläge in Nürnberg und Köln. Es folgen unter anderem künstlerische Arbeiten und Infografiken, die sich mit den schwerwiegenden Fehlern und Versäumnissen von Polizei, Verfassungsschutz und Medien sowie mit der lückenhaften juristischen Aufarbeitung des NSU-Komplexes auseinandersetzen.

Gleichzeitig machen die Arbeiten den langjährigen Aktivismus der Betroffenen und das vielfältige zivilgesellschaftliche Engagement sichtbar, ohne das es das Dokumentationszentrum nicht gäbe. Am Ende steht die Forderung „Kein Schlussstrich!“. Sie macht deutlich, dass der NSU-Komplex, das Engagement und auch die Ausstellung selbst als unabgeschlossen zu verstehen sind. (…) Auch auf den Fensterscheiben des Dokumentationszentrums sind Forderungen sichtbar, die Angehörige und Betroffene weiterhin stellen.

Zum Schluss noch eine Frage, die mich besonders interessiert: Gibt es eine Arbeit oder einen Bereich in der Ausstellung, der für dich besonders heraussticht?

Es gibt viele Arbeiten, die mich immer wieder bewegen. Besonders empfehle ich, sich am Anfang Zeit für die Videoarbeit „TAKDIR. Die Anerkennung“ von Ülkü Süngün zu nehmen, die Aussprache der Namen der Mordopfer zu üben und sich dabei selbst zu beobachten (#saytheirnames). Viele Arbeiten zeigen außerdem, welche wichtige Rolle Kunst im Sprechen über rassistische und antisemitische Gewalt sowie über (post-)migrantisches Leben in Deutschland spielt. Deshalb möchte ich auch die Videoarbeit „Babenhausen“ von Hito Steyerl hervorheben. Sie verbindet bereits seit den 1990er-Jahren dokumentarisches Arbeiten, Kunst und Aktivismus – ganz im Sinne der Ausstellung.

Vielen Dank für das Gespräch und die Einblicke in deine Arbeit!

Das Archiv: Ein lebendiger Ort?!

Mehr als Akten und Ordner

von David Muñoz Aristizábal

Ein Archiv – das klingt nach Staub, Stille und verschlossenen Regalen. Das Archiv von „Offener Prozess“ ist das Gegenteil davon. Es ist ein lebendiger Ort, der wächst, sich verändert und von Menschen mitgestaltet wird – längst kein abgeschlossenes Projekt! 

Im Mittelpunkt steht eine einfache, aber politisch aufgeladene Frage: Wessen Geschichten wird erinnert? Staatliche Archive reproduzieren oft die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft. Unser Archiv setzt dem bewusst etwas entgegen: Es sammelt die Erfahrungen von Menschen, die in offiziellen Akten marginalisiert oder schlicht vergessen wurden: Betroffene rechter und rassistischer Gewalt, widerständige Stimmen, migrantische Lebensrealitäten in Ostdeutschland und viele weitere.

Was ist ein Living Archive?

Das Konzept des Living Archive – des lebendigen Archivs – bricht mit dem klassischen Modell der Aufbewahrung. Hier geht es nicht darum, Originale hinter Glas zu stellen. Es geht um Prozesse, Partizipation und die Frage, wie Vergangenheit und Gegenwart miteinander sprechen.

Für uns bedeutet das:

  • Gemeinschaft im Fokus: Das Archiv lebt vom Mitmachen. Betroffene Communities verwalten und dokumentieren ihre Geschichte selbst.
  • Multimediale Vielfalt: Neben physischen Objekten umfasst das Archiv digitale Aufzeichnungen, Social-Media-Inhalte, Oral-History-Interviews und sogar verkörpertes Wissen wie mündliche Überlieferungen. 
  • Gegenwart & Zukunft: Geschichte wird nicht ein für alle Mal festgeschrieben, sondern immer wieder neu gelesen und kritisch hinterfragt.

Ein Foto, ein alter Flyer, ein aufgezeichnetes Gespräch oder sogar ein gemaltes Bild: Das alles sind die Bausteine, aus denen im Lebendigen Archiv ein Gegenbild zur offiziellen Erinnerungskultur entsteht – ein spannendes Lernlabor für unsere Gesellschaft.

Auch du kannst beim Living Archive mitmachen!

Gerade läuft eine intensive Sammlungskampagne mit den Schwerpunkten NSU-Komplex, rechter Terror, Rassismus, und besonders: das migrantische und widerständige Ostdeutschland. Denn der Mythos, Ostdeutschland habe keine migrantische Geschichte, stimmt nicht. Unser Archiv will das belegen.

Gesucht werden keine spektakulären Museumsstücke, sondern Erinnerungen, die Geschichten erzählen:

  • Fotos, Briefe, Tagebücher, persönliche Alltagsgegenstände.
  • Flyer, Plakate, Mitschnitte aus Workshops oder Erzählcafés.
  • Wissenschaftliche Arbeiten (z. B. Haus- oder Abschlussarbeiten) zu den Themen.
  • Aufgezeichnete Interviews mit Zeitzeug:innen (Oral History).

Dabei musst du deine Originale nicht dauerhaft abgeben – oft reicht ein Foto oder ein digitaler Scan. Was zählt, ist das Wissen, das darin steckt.

Mach mit! Das Archiv lebt davon, dass es mitgestaltet wird. Wenn du Material hast, das zu diesen Themen passt – oder wenn du einfach neugierig bist, was im Archiv zu finden ist, dann melde dich gern oder komm zum Forschen vorbei. Du bist herzlich willkommen!

Zum Archiv

Bild zeigt Demonstrierende vor dem Amtsgericht in Dresden. Auf dem Banner steht "Naziterror bekämpfen, Betroffene entschädigen!"

Q & A: Was passiert im 2. NSU-Prozess?

Warum gibt es gerade einen zweiten NSU-Prozess?

Die Taten des NSU wären ohne ein breites Netzwerk an Unterstützer:innen nicht möglich gewesen. In den Ermittlungen ab November 2011 hat die Polizei 107 Personen identifiziert, die im Verdacht stehen, dem NSU geholfen zu haben. Diese Personen waren unterschiedlich involviert: Sie sollen Ausweispapiere oder Krankenkarten zur Verfügung gestellt haben, haben Wohnungen oder Fahrzeuge angemietet oder bei der Beschaffung von Waffen oder Geld geholfen.

Von diesen Personen wurden im 1. NSU-Prozess in München lediglich vier angeklagt und schlussendlich auch schuldig gesprochen. Der Rest ist bisher straffrei geblieben. Insofern ist es etwas überraschend, dass der im November 2025 gestartete zweite NSU-Prozess eine Person aus diesem Kreis in den Blick nimmt: Vorgeworfen werden der Angeklagten Susann E., sie habe eine terroristische Vereinigung unterstützt und bei einer schweren räuberischen Erpressung Beihilfe geleistet.

Schon die Zulassung der Anklage war umstritten: Das Oberlandesgericht Dresden sah nicht genug Indizien für die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der Bundesgerichtshof widersprach und verwarf diese Entscheidung. Überhaupt hat die Anklage lange auf sich warten lassen: Seit Dezember 2021 ist das Urteil aus dem 1. NSU-Prozess rechtskräftig. Es dauerte weitere drei Jahre bis zur Anklage für den 2. Prozess. Der Prozessverlauf bietet keine Erklärungen, warum der Generalbundesanwalt damit so lange gewartet hat.

Was passiert im 2. NSU-Prozess?

Im Verfahren steht die Frage im Mittelpunkt, wie weit die Angeklagte in die Machenschaften des NSU-Kerntrios eingeweiht war. Diese Frage wird in insgesamt 26 Verhandlungstagen nachgegangen. Das Gericht hat dazu verschiedene Zeug:innen angehört: Polizeibeamt:innen, Bekannte und Freunde aus dem Umfeld der Angeklagten aus Zwickau, Urlaubsbekanntschaften, Mitarbeiter:innen einer Zahnarztpraxis.

Große mediale Aufmerksamkeit erhielt die Vernehmung der verurteilten Rechtsterroristin Beate Zschäpe an insgesamt drei Verhandlungstagen. Eine Vernehmung, die jedoch mit wenig Erkenntnisgewinn verbunden war – auch weil das Gericht bei offenkundigen Widersprüchen nicht entschieden nachhakte. Für die Betroffenen im NSU-Komplex war diese Situation nur schwer erträglich.

„Dann sag die Wahrheit!“
- Gamze Kubaşık

Gamze Kubaşık, Tochter des vom NSU getöteten Mehmet Kubaşık, unterbrach die Vernehmung von Zschäpe am zweiten Tag: „Dann sag die Wahrheit!“ Die Intervention aus dem Publikumsbereich macht auf einen weiteren Umstand aufmerksam: Im Verfahren ist keine Nebenklage zugelassen. Die Betroffenen dürfen eigentlich nur schweigend zu schauen, ohne Rede- oder Fragerecht. Mittlerweile nähert sich der Prozess dem Ende: Staatsanwaltschaft und Verteidigung halten ihre Plädoyers, am 17. Juli wird das Urteil gesprochen.

Von Jörg Buschmann

Weitere Informationen finden Sie auf nsu-watch.de

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