Zum Hauptinhalt springen
Viele Personen sitzen an mehreren Tischen in einem modernen Raum. Im Hintergrund ist eine Ausstellung und Vorhänge zu sehen. Die Menschen bemalen Keramik und unterhalten sich.

Unser Willkommensbereich stellt sich vor

von Hanna Thuma

Wir sind mehr als nur eine  Ausstellung. Auf Wunsch der Angehörigen der Opfer des NSU verstehen wir uns als ein Ort der Begegnung und des Lebens. Diesem Anliegen ist der gesamte vordere Teil unserer Ausstellung gewidmet: unser Willkommensbereich.

Hier könnt ihr vor, während oder auch unabhängig von eurem Ausstellungsbesuch einen kostenfreien türkischen Çay genießen sowie Obst, Snacks oder mitgebrachtes Essen zu euch nehmen. Ihr seid jederzeit eingeladen, einfach vorbeizukommen – vielleicht, weil euch unser Çay besonders gut schmeckt und ihr ins Gespräch kommen möchtet, oder weil ihr eines unserer regelmäßigen offenen Angebote nutzen wollt.

Ihr könnt bei uns Keramik bemalen, Unterstützung bei Hausaufgaben erhalten und künftig auch unkompliziert einen Spielenachmittag organisieren – vielleicht lernt ihr dabei neue Menschen kennen. Ob ihr euch ausruhen, etwas lesen oder einen ruhigen Ort für eure Mittagspause sucht: Auch dafür sind wir da.

Warum uns das wichtig ist? Erinnerung verstehen wir nicht als etwas Abgeschlossenes, sondern als etwas, das Raum im Alltag braucht – im Austausch miteinander, im gemeinsamen Verweilen oder einfach darin, da sein zu können.

Deshalb setzen wir uns aktiv dafür ein, dass niemand aus finanziellen Gründen oder aufgrund von Beeinträchtigungen ausgeschlossen wird. In einem Runden Tisch arbeiten wir gemeinsam daran, unser Dokumentationszentrum noch barriereärmer und zugänglicher zu gestalten.

Bei uns trefft ihr immer eine:n Gastgeber:in, die oder der euch willkommen heißt, Fragen beantwortet und gern ins Gespräch kommt. Denn wie der Name schon sagt:
Ihr seid bei uns jederzeit herzlich willkommen!

Netzwerktreffen 2026

von Dean Ruddock

Im Mai ist das Dokumentationszentrum ein Jahr alt geworden. Zu diesem Anlass luden wir die Angehörigen der Ermordeten und Überlebenden der Anschläge ein, um unsere Arbeit und unser Team näher kennenzulernen.

Schon in den Vorbereitungen für das Dokumentationszentrum gab es einen langen Partizipations-Prozess (damals geleitet von Arlo Jung), in dem Vertrauen aufgebaut und Ideen zur Gestaltung des Ortes in enger Zusammenarbeit mit Angehörigen und Betroffenen diskutiert wurden.

Die Forderungen, die sich in der Ausstellung, aber auch an der Außenfassade des Dokumentationszentrums finden, wurden zusammen mit dem Künstler Felix Forsbach erarbeitet, der das Gespräch hierzu vorbereitet hat. Eine Kernaufgabe von Offener Prozess ist die Sichtbarmachung dieser Forderungen der Angehörigen der Ermordeten sowie der Überlebenden des NSU.

Nun, ein Jahr nach der Eröffnung galt es einerseits auf das vergangene Jahr zurückzuschauen und Resümee zu ziehen, aber auch Vorschläge für das kommende Jahr zu sammeln und gemeinsam zu diskutieren.

In diesem Rahmen stellten sich die verschiedenen Teilbereiche unseres Hauses vor und berichteten aus dem ersten Jahr ihrer Arbeit: Der Bereich VerLernen erzählte davon, wie Workshops und Bildungsangebote von verschiedenen Zielgruppen angenommen wurden; der Bereich Sammeln & Teilen davon, wie der Aufbau des widerständigen Archivs vorankommt und von dem aktuellen Oral-History-Projekt zu den Baseballschlägerjahren; die Assembly von lokaler Vernetzung mit verschiedenen Gruppen von Menschen, die von rechter Gewalt und Rassismus betroffen sind.

Ganz praktisch wurde es dann bei einem gemeinsamen Critical Walk durch das ehemalige Fritz-Heckert-Gebiet. Hier gab es viele positive Reaktionen auf das Wandbild, mit dem der kritische Stadtrundgang endet. Gelobt wurde auch das Engagement der Anwohnenden, die nach einem Farbangriff schon selbst aktiv wurden und Graffiti von der Tafel zum Wandbild entfernten.

Lydia Lierke, verantwortliche Teamleitung für den Bereich Teilhabe und den Kontakt zu den Überlebenden und Angehörigen der Ermordeten, blickt auf das Treffen zurück: 

„Ich bin sehr dankbar über den Besuch der Angehörigen und Betroffenen in Chemnitz, ohne ihre politischen Kämpfe und Forderungen würde es das Dokumentationszentrum nicht geben.“

Bild zeigt die Angehörigen der Ermordeten des NSU vor einem großen Wandbild, dass an die Mordopfer erinnert.

Statement zum Urteil im 2. NSU-Prozess

Nach einem dreiviertel Jahr endete am 17. Juli 2026 der zweite NSU-Prozess.
Das Urteil: 2-jährige Haftstrafe, ausgesetzt für 3 Jahre auf Bewährung für die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in drei Fällen, in einem Fall in Tateinheit mit Beihilfe zu einer schweren räuberischen Erpressung mit Waffen.

Michalina Boulgarides: „Eine Bewährungsstrafe ohne Auflagen — das ist für mich ganz klar ein Freispruch. Sehr ernüchternd, sehr erschütternd für uns Betroffene und Angehörige. Wir hofften auf Gerechtigkeit für unsere Väter, aber auch für uns Töchter.“

Das OLG Dresden orientierte sich allein am Urteil des OLG München im 1. NSU-Prozess und übernahm die dort getroffenen zentrale Deutungen und Annahmen. Und das mit Folgen: So blieb der erste Anschlag des NSU 1999 in Nürnberg auch in diesem Verfahren unbeachtet…

…die Angeklagte selbst schwieg den Prozess über und trug somit auch nicht zur weiteren Aufklärung bei. Serkan Yildirim, Überlebender dieses ersten Anschlags des NSU kritisiert das Urteil und das Vorgehen des Gerichtes:„Das ist erniedrigend für uns. Wie kann ein Mensch so viele Menschen auf dem Gewissen haben und mit einer so niedrigen Strafe davonkommen? Die Verhandlung war nicht fair.“

 Bei dem Sprengstoffanschlag in der Nürnberger Scheurlstraße wurde Serkan Yildirim schwer verletzt. Dem NSU konnte die Tat, mutmaßlich ein versuchtes Tötungsdelikt, jedoch erst 2013 im Verfahren vor dem OLG München zugerechnet werden. Er erkannte Susann E. 2013 während seiner Vernehmung auf einem Foto. Diese Spur wurde jedoch nicht weiter verfolgt.

Susann E.s Handeln hat den NSU gestärkt und dessen Existenz gesichert – zu diesem Schluss ist das Gericht gekommen. Jedoch wurden mildernde Umstände wie die Länge des Verfahrens in Betracht gezogen. Ein anderes Urteil wäre möglich gewesen:

Die Staatsanwaltschaft forderte immerhin 4 Jahre Haft für Susann E., die Verteidigung forderte einen Freispruch. Kritisiert wird nicht nur das milde Urteil, sondern auch die nicht-Zulassung einer Nebenklage auf Seiten der Angehörigen der Ermordeten und Überlebenden.

Bild zeigt Demonstrierende vor dem Amtsgericht in Dresden. Auf dem Banner steht "Naziterror bekämpfen, Betroffene entschädigen!"

Q & A: Was passiert im 2. NSU-Prozess?

Warum gibt es gerade einen zweiten NSU-Prozess?

Die Taten des NSU wären ohne ein breites Netzwerk an Unterstützer:innen nicht möglich gewesen. In den Ermittlungen ab November 2011 hat die Polizei 107 Personen identifiziert, die im Verdacht stehen, dem NSU geholfen zu haben. Diese Personen waren unterschiedlich involviert: Sie sollen Ausweispapiere oder Krankenkarten zur Verfügung gestellt haben, haben Wohnungen oder Fahrzeuge angemietet oder bei der Beschaffung von Waffen oder Geld geholfen.

Von diesen Personen wurden im 1. NSU-Prozess in München lediglich vier angeklagt und schlussendlich auch schuldig gesprochen. Der Rest ist bisher straffrei geblieben. Insofern ist es etwas überraschend, dass der im November 2025 gestartete zweite NSU-Prozess eine Person aus diesem Kreis in den Blick nimmt: Vorgeworfen werden der Angeklagten Susann E., sie habe eine terroristische Vereinigung unterstützt und bei einer schweren räuberischen Erpressung Beihilfe geleistet.

Schon die Zulassung der Anklage war umstritten: Das Oberlandesgericht Dresden sah nicht genug Indizien für die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der Bundesgerichtshof widersprach und verwarf diese Entscheidung. Überhaupt hat die Anklage lange auf sich warten lassen: Seit Dezember 2021 ist das Urteil aus dem 1. NSU-Prozess rechtskräftig. Es dauerte weitere drei Jahre bis zur Anklage für den 2. Prozess. Der Prozessverlauf bietet keine Erklärungen, warum der Generalbundesanwalt damit so lange gewartet hat.

Was passiert im 2. NSU-Prozess?

Im Verfahren steht die Frage im Mittelpunkt, wie weit die Angeklagte in die Machenschaften des NSU-Kerntrios eingeweiht war. Diese Frage wird in insgesamt 26 Verhandlungstagen nachgegangen. Das Gericht hat dazu verschiedene Zeug:innen angehört: Polizeibeamt:innen, Bekannte und Freunde aus dem Umfeld der Angeklagten aus Zwickau, Urlaubsbekanntschaften, Mitarbeiter:innen einer Zahnarztpraxis.

Große mediale Aufmerksamkeit erhielt die Vernehmung der verurteilten Rechtsterroristin Beate Zschäpe an insgesamt drei Verhandlungstagen. Eine Vernehmung, die jedoch mit wenig Erkenntnisgewinn verbunden war – auch weil das Gericht bei offenkundigen Widersprüchen nicht entschieden nachhakte. Für die Betroffenen im NSU-Komplex war diese Situation nur schwer erträglich.

„Dann sag die Wahrheit!“
- Gamze Kubaşık

Gamze Kubaşık, Tochter des vom NSU getöteten Mehmet Kubaşık, unterbrach die Vernehmung von Zschäpe am zweiten Tag: „Dann sag die Wahrheit!“ Die Intervention aus dem Publikumsbereich macht auf einen weiteren Umstand aufmerksam: Im Verfahren ist keine Nebenklage zugelassen. Die Betroffenen dürfen eigentlich nur schweigend zu schauen, ohne Rede- oder Fragerecht. Mittlerweile nähert sich der Prozess dem Ende: Staatsanwaltschaft und Verteidigung halten ihre Plädoyers, am 17. Juli wird das Urteil gesprochen.

Von Jörg Buschmann

Weitere Informationen finden Sie auf nsu-watch.de

Zeitzeuginnen-Gespräch mit Gamze Kubaşık, Semiya Şimşek und Christine Werner

In ihrem Buch „Unser Schmerz ist unsere Kraft: Neonazis haben unsere Väter ermordet“ erzählen Gamze Kubaşık und Semiya Şimşek in Gedächtnisberichten,Telefonaten und Chats unmittelbar, wie sie die erschütternden Geschehnisse aus ihrem bisherigen Leben gerissen haben. Die durch ihr Schicksal verbundenen jungen Frauen beschreiben die Zeit nach den Morden und wie sie die Ereignisse danach erlebt haben, aber auch, wie sie miteinander eine Kraft entwickeln konnten, die sie bis heute immer weiter kämpfen lässt: gegen das Vergessen und für eine Zukunft ohne Ausgrenzung. Mit ihrem Jugendsachbuch schaffen sie Raum für Erinnerung, Erschütterung und Ermutigung – und laden ein, sich solidarisch einzumischen.

Gemeinsam mit der Autorin Christine Werner und dem politischen Bildner Ali Şirin klären sie u. a. in Schulen zum NSU-Komplex aus Betroffenenperspektive auf.

Autorinnen: Gamze Kubaşık - Tochter von Mehmet Kubaşık, Semiya Şimşek - Tochter von Enver Şimşek und Christine Werner.

Moderation: Ali Şirin (Kein Schlussstrich Dortmund)

Geeignet ist die Veranstaltung für Schüler:innen ab der 8. Klasse oder ab 14 Jahren. Der Besuch der Veranstaltung ist kostenfrei.
 Eingeladen sind ausschließlich Schulen aus Chemnitz und Umgebung.

Bei Interesse melden Sie sich gern für eine gemeinsame Planung direkt via Email bei Cynthia Zimmermann.

Wann Fr., 25. September, 14:00 - 15:30 Uhr.
Wo Wird bei Anmeldung bekannt gegeben.
Weitere Infos zum Besuch Öffnungszeiten & Anfahrt - Offener Prozess

Foto: Anne Schober

Philosophische Fakultät der TU Chemnitz kooperiert mit Offener Prozess 

Am 19.05.2026 fand der Auftakt einer Kooperation zwischen der Technischen Universität Chemnitz und „Offener Prozess - -ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Sachsen“ in Form eines Critical Walks im ehemaligen Fritz-Heckert-Gebiet statt.  

Der Critical Walk ist ein  von Offener Prozess konzipierter Stadtteilspaziergang, der sich mit der architektonischen, sozialen und politischen Geschichte des Viertels auseinandersetzt - mit einem Schwerpunkt auf dem Stadtteil als Wohnort, Vernetzungsraum und Tatort des sogenannten NSU.  

Alle Studierenden wie auch Dozent*innen zeigten sich sowohl sehr offen und interessiert, aber auch sehr betroffen: einerseits angesichts des tiefgreifenden Statuswandels, den das Fritz-Heckert-Gebiet (jetzt Hutholz) aufgrund der Wiedervereinigung und der Abwanderung durchlaufen musste, zum anderen aber auch sehr betroffen angesichts der damaligen offenen rechtsradikalen Dominanz im Viertel, die es den NSU-Angehörigen erst möglich machte, unentdeckt ihre Taten weiter zu begehen. 

Der Walk endet mit einer Gedenkrunde zu allen Opfern des NSU-Terrors am Wandgemälde der Freiraumgalerie Halle „In Unserer Mitte“. Die dargestellten Gegenstände erinnern symbolisch an die Ermordeten und eine Gedenktafel nennt ihre Namen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter.  

© Ulrike Deppe
Durch den Stadtteil führten dieses Mal Julian Meinelt und Hanna Thuma.

Fokus: „Baseballschlägerjahre“ 

Der für Dokumentation, Forschung und Archiv zuständige Bereich „Sammeln & Teilen“ von Offener Prozes legt in diesem Jahr einen besonderen Fokus auf die Aufarbeitung rechter Gewalt in Ostdeutschland und sammelt u. a. Zeitzeug:inneninterviews mit Betroffenen rechter Gewalt in den 1990er Jahren in Chemnitz und Südwestsachsen. Ziel ist der Aufbau eines Oral-History-Archivs, das öffentlich zugänglich gemacht wird. 

Die TU Chemnitz beleuchtet im Sommersemester 2026 ebenfalls in einschlägigen Seminaren die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ aus verschiedenen Perspektiven. Dazu besuchen die Studierenden die Dauerausstellung von Offener Prozess, recherchieren und arbeiten mit den Materialien des Archivs und des Forschungsbereichs und kommen mit den Mitarbeitenden ins Gespräch. Zudem analysieren die Studierenden die Zeitzeug:inneninterviews unter verschiedenen Gesichtspunkten und stellen die Ergebnisse dem entstehenden Archiv zur Verfügung:

  • Wem gehört Erinnerung in einer Gesellschaft? Woran wird erinnert? Welche Rollen spielen Rassismus und Identität dabei? Diese Fragen ergründet Dr. Manuel Peters (Interkulturelle Kommunikation) gemeinsam mit Studierenden im Seminar “Wessen Erinnerung? Erinnerung, Rassismus, Zugehörigkeit in (Ost-)Deutschland”. Dabei suchen sie gezielt nach Lücken in vorherrschenden Erinnerungsdiskursen und fragen weiter nach den Folgen dieser Auslassungen. 
  • Im Seminar „Aufwachsen in den „Baseballschlägerjahren“ von Dr. Theo Döppers (ebenfalls Allgemeine Erziehungswissenschaft) untersuchen Master-Studierende verschiedene Personengruppen, die Anfang der 1990er-Jahre in Chemnitz Opfer von rechter Gewalt geworden sind, mit einem Schwerpunkt auf Themen wie Migration und Jugendkulturen. 
  • Prof. Dr. Ulrike Deppe aus der Allgemeinen Erziehungswissenschaft widmet sich in  
    „(Rechte) Jugendgewalt und pädagogische Professionalität“  unter anderem dem Konzept der „akzeptierenden Jugendarbeit“ - einem Ansatz durch den sich rechte Jugendliche unkonfrontiert in Jugendzentren aufhalten und mutmaßlich gegenseitig radikalisieren konnten. Anders als in den 90er Jahren, sollen auch die Perspektiven der Opfer von (rechter) Jugendgewalt berücksichtigt werden. 

Die Kooperation zwischen der TU Chemnitz und Offener Prozess verbindet Forschung, Lehre und dokumentarische Praxis. Sie schafft Räume für kritische Auseinandersetzung, stärkt die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven und trägt dazu bei, Wissen über rechte Gewalt öffentlich zugänglich zu machen.  

Mehr zum Oral-History-Projekt des Bereichs Sammeln & Teilen

Residency bei Offener Prozess – ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex

„15 Jahre danach - Erinnern im Kontext der Selbstenttarnung des NSU in Zwickau“

Im Jahr 2026 jährt sich der Jahrestag der Selbstenttarnung der rechtsterroristischen Gruppe NSU zum fünfzehnten Mal. Am 4. November 2011 brannte in Zwickau im Zusammenhang mit einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach ein Wohnhaus aus.

Was wie eine routinemäßige Ermittlung zur Brandursache begann, entwickelte sich im Verlauf weniger Tage zu einer Zäsur in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: Das abgebrannte Haus war das letzte Versteck eines neonazistischen Terrornetzwerks, das seit vielen Jahren ungehindert Mordattentate und Bombenanschläge verübt hatte.

Einige wenige hatten, das schon länger vermutet, aber kaum Gehör gefunden: Die Angehörigen der Mordopfer hatten immer wieder darauf hingewiesen, dass die Anschläge rassistisch motiviert gewesen sein könnten.

Doch anstatt diese Hinweise ernst zu nehmen, wurden sie von den Ermittlungsbehörden als Hauptverdächtige der Taten behandelt. Es brauchte erst die selbstproduzierte Bekenner-DVD des NSU, um den Ermittler:innen, Medien und Mehrheitsgesellschaft den Ernst der Lage klarzumachen.

1. Ziel

Das Ziel der Residency ist die kritische Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex in Zwickau und Umgebung zu fördern. Dabei soll der Fokus insbesondere auf den zivilgesellschaftlich getragenen Ansätzen der NSU-Aufarbeitung liegen. Wichtig sind uns dabei die Solidarität mit und die Anliegen der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Erwünscht sind Vorschläge, denen es gelingt, eine Erinnerungspraxis breit zu verankern und dabei trotzdem den Finger in die Wunde zu legen. Gefragt sind Ansätze für ein lebendiges Gedenken, das lokale und regionale Bedingungen und Voraussetzungen ernst nimmt und gleichzeitig Raum für Veränderung schafft. Gesucht sind Bausteine für Rituale, die vor den Kopf stoßen und trotzdem wiederkehrend verbinden.

2. Förderleistungen & Rahmenbedingungen

Budget für die Residency:                
12.000 Euro (brutto), inkl. aller Produktions- und Präsentationskosten, Fahrt- und Übernachtungskosten

Umsetzungszeitraum:                      
01.08. – 30.11.2026

Arbeitsräume & Infrastruktur:          
Zugang zu den Einrichtungen von Offener Prozess – ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz, Anbindung an das Arbeitsteam und lokale Netzwerke in Zwickau und  Chemnitz Beratung    und Austausch mit dem Team von Offener Prozess zur konkreten Ausgestaltung der Residency.

3. Bewerbung & Auswahlprozess

Bewerbungsschluss:                         
14. Juni 2026

Sichtung & Auswahl:                         
bis 26. Juni 2026

Bewerbungsunterlagen:                   
Projektskizze inkl. methodischem Ansatz und Finanzplanung (max. 1,5 A4-Seiten), Referenzen (wissenschaftliche, künstlerische, kuratorische oder aktivistische Arbeiten), Lebenslauf

4. Erwartete Ergebnisse

Ein Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex anlässlich des 15. Jahrestags der Selbstenttarnung des NSU (insbesondere im Rahmen der „Novembertage“ zwischen 1. und 8. November 2026 in Zwickau) in Abstimmung mit Offener Prozess eine Veranstaltung bzw. eine öffentliche Vorstellung des Beitrags in Offener Prozess- ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Sachsen.

5. Hinweise zur Bewerbung

Bewerbungen sind möglich auf Deutsch oder Englisch, alternative Qualifikationen (kreative, aktivistische oder persönliche Erfahrungen) werden gleichwertig zu akademischen Abschlüssen berücksichtigt besonders willkommen sind Bewerbungen von Menschen mit marginalisierten Perspektiven und von Menschen mit Bezug zu Ostdeutschland, sei es durch ihre Herkunft, Studium, Lebensweg oder inhaltliche Schwerpunkt ihrer Arbeit.

6. Kontakt & Einsendung

Bitte die Bewerbung mit dem Betreff „Residency 2026“ per E-Mail einsenden an:

residency@offener-prozess.de Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an: Nathalie Senf, n.senf@offener-prozess.de bzw. Jörg Buschmann, j.buschmann@offener-prozess.de

Achtung!

Am Montag, 8.06.2026 um 16:00 Uhr wird es eine offene Fragestunde zur Residency geben.

Gerne dürft ihr eure Fragen auch schon per Mail vorher einreichen. Nach der Anmeldung per E-Mail an n.senf@offener-prozess.de erhaltet ihr den Link zum Call.

Statement des Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex zu den geplanten Kürzungen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“

Offener Prozess - ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex sieht die geplante Umstrukturierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ mit großer Sorge. Nach aktuellen Berichten könnten infolge der Neuausrichtung rund 200 Projekte zum Jahresende 2026 aus der bisherigen Förderung fallen.

„Demokratie leben!“ ist seit 2015 ein zentrales Instrument zur Stärkung zivilgesellschaftlichen Engagements gegen Rassismus, Antisemitismus, rechte Gewalt und andere Formen demokratiefeindlicher Ideologien. Das Programm berührt damit zentrale Fragen, die auch die gesellschaftliche Aufarbeitung des NSU-Komplexes bis heute prägen.

Die NSU-Mordserie hat auf erschütternde Weise offengelegt, wie gravierend die Folgen institutionellen Versagens, rassistischer Fehleinschätzungen und mangelnder Sensibilität für rechten Terror sein können. Gerade deshalb ist eine starke, unabhängige Zivilgesellschaft unverzichtbar – eine Zivilgesellschaft, die Betroffenenperspektiven stärkt, Erinnerung wachhält und demokratische Resilienz fördert.

Wenn gewachsene Förderstrukturen in dieser Lage geschwächt oder beendet werden, ist das nicht nur ein haushaltspolitisches Signal. Es ist eine politische Entscheidung mit weitreichenden Folgen für Prävention, Bildungsarbeit und den Schutz demokratischer Kultur vor Ort.

Besonders besorgniserregend ist, dass diese Einschnitte in eine Zeit fallen, in der rechtsextreme Bedrohungen zunehmen und rassistische Diskurse an Sichtbarkeit gewinnen. Wer demokratische Infrastruktur jetzt schwächt, riskiert, genau jene Kräfte zu stärken, die eine offene und solidarische Gesellschaft bekämpfen.

Wir fordern die Bundesregierung deshalb mit Nachdruck auf, die angekündigten Kürzungs- und Umbaupläne zurückzunehmen, laufende Evaluationen abzuwarten und das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ dauerhaft, verlässlich und bedarfsgerecht zu finanzieren. Die Erinnerung an die vom NSU Erdmordeten verpflichtet uns, die gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen.

Eine unserer Art Scouts erklärt der Gruppe von Vertreter:innen der GFMK Hintergründe zum NSU-Komplex in der Ausstellung.

Erinnerung als politischer Auftrag: GFMK-Delegierte besuchen NSU-Dokumentationszentrum in Chemnitz

Sachsen hat mit Beginn des Jahres den Vorsitz der 36. Konferenz der Gleichstellungs- und Frauenminister:in und -senator:innen der Länder (GFMK) übernommen. Im Rahmen des Kulturprogramms der Vorkonferenz am 23. — 24. April 2026 in Chemnitz besuchten Gleichstellungsbeauftragte der Länder mit weiteren Delegierten der GMFK aus verschiedenen Bundesländern das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex „Offener Prozess“.

Im Rahmen einer Führung durch die Ausstellung setzten sich die Besuchenden mit den Biografien der Menschen auseinander, die vom NSU ermordet worden sind, sowie mit der Rolle des Verfassungsschutzes.

Sarah Schulze,  Landesbeauftragte für Frauen- und Gleichstellungspolitik des Landes Sachsen-Anhalt, spricht.
©Sozialministerium Sachsen

Sarah Schulze, Landesbeauftragte für Frauen- und Gleichstellungspolitik des Landes Sachsen-Anhalt kommentiert:

„Ich finde es beeindruckend, dass den Betroffenen und Familien der Raum gegeben wird, der ihnen oft verweht wurde.“

Dr. Nora Krzywinski, eine der zwei Geschäftsführerinnen des Dokumentationszentrums bedankt sich für den Besuch:

„Wir danken den Gleichstellungsbeauftragten der Länder und allen Vertreterinnen und Vertretern der GFMK herzlich für ihren Besuch. Die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist politischer Auftrag, heute mehr denn je. Dass Gleichstellungspolitikerinnen und -politiker aus ganz Deutschland diesen Ort besuchen, macht deutlich, dass Antidiskriminierung in jeglicher Form und der Schutz vor rechter Gewalt untrennbar zur Arbeit für eine gerechte Gesellschaft gehören.“

Unser Engagement in Zwickau

Offener Prozess und Alter Gasometer e.V. kooperieren, um die Erinnerungsarbeit in Zwickau mit dem Dokumentationszentrum zu verbinden und die Akteure vor Ort zu unterstützen. Nathalie Senf ist seit dem 15. Januar 2026 bei Offener Prozess angestellt mit einem Büro im Vereinshaus des Alten Gasometers e.V. 

Seit dem Prozess zur Bürger:innenbeteiligung in Zwickau ist einiges geschehen:
Auf der Ziegelwiese des Schwanenteichparks wurden im Herbst 2019 zehn Gedenkbäume für die vom NSU Ermordeten eingeweiht. So haben inzwischen alle Gedenkbäume am Schwanenteich einen Paten oder eine Patin. Darunter sind mehrere Schulen:

Pestalozzi-Schule, DPFA-Schulen, Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Peter-Breuer-Gymnasium, Humboldtschule, KOMPAKT-Schule. Die weiteren Patenschaften haben das Ev.-Luther. Kirchspiel Zwickau Nord, die IG Metall Jugend, Roter Baum e.V. in Verbindung mit den Sternendekorateuren und der Jugendbeirat übernommen.

Bild zeigt eine Gruppe Jugendlicher um einen der jungen Gedenkbäume in Zwickau.

Die Schulen haben seit einigen Jahren die Möglichkeit den Bildungsreferenten des Alter Gasometer e.V., Tim Sachse, zum Thema NSU-Komplex anzufragen. Dieser bietet mehrere Formate zum Thema an. Die Patinnen und Paten führen eigenverantwortlich das „Kranichgedenken“ durch. Das bedeutet: sie gedenken jeweils am Geburtstag der Ermordeten, indem sie sich am Gedenkhain versammeln und Origami-Kraniche im Baum befestigen. Die Ausgestaltung um diese Geste herum ist unterschiedlich.

An der Umsetzung dieses Gedenkens, sowie der Einweihung gab es Kritik; so wurden zum Beispiel Hinterbliebene nicht mit einbezogen. Möglicherweise ändert sich das in Zukunft durch die bessere Vernetzung mit dem Dokuzentrum und den daran angeschlossenen Vernetzungstreffen mit den Angehörigen der Ermordeten des NSU.

Das Bündnis für Demokratie und Toleranz der Region Zwickau, das aus dem Beteiligungsbereich des Alter Gasometer e.V. betreut wird, hat maßgeblich die Erinnerungsarbeit in Zwickau mitgestaltet. Seit 2012 gibt es die aus dem Bündnis hervorgegangene jährlich stattfindende Veranstaltungsreihe „Novembertage“, die neben der Pogromnacht 1938 und dem Fall der Mauer 1989, die Selbstenttarnung des NSU thematisch behandelt. 

In der Zwickauer Stadtgesellschaft wird die Erinnerung an die Opfer des NSU und die Aufarbeitung des NSU-Komplex maßgeblich von der Zivilgesellschaft gestaltet und getragen. Dabei sind Akteure u.a. aus den Kirchgemeinden, unterschiedlichen Vereinen, dem Theater Plauen-Zwickau, der Westsächsischen Hochschule, unterschiedlichen Parteien und Gewerkschaften involviert, Stadtverwaltung und Landkreis unterstützen. 

Die Sternendekorateure, eine Initiative aus der Kulturszene Zwickaus, haben die Gedenkbänke als mobile Erinnerungsobjekte zum 5. Jahrestag der Selbstenttarnung geschaffen. Für jedes Mordopfer wurde eine Bank gestaltet, auf der die Namen und biografische Details der Opfer, sowie die Umstände des Todes lesbar sind.

Bild zeigt  die 11. Gedenkbank (siehe Text) in der Ausstellung des Dokumentationszentrums. Auf der Bank steht "Wer noch?".

Darüber hängen Bilder mit Graffitis, die die Namen der vom NSU Ermordeten zeigen. Daneben stehen Schilder aus Demonstrationen.
Darauf stehen Sätze wie "Black Lives Matter" oder "Wir Gedenken ALLER HALITS".
Foto: Mark Frost

Eine 11. Bank macht auf die Kontinuitäten rechter Gewalt aufmerksam und stellt die Frage, wer noch Opfer werden muss, bevor sich etwas verändert. Diese Bank ist Teil der Ausstellung Offener Prozess.
Jedes Jahr sind die Bänke Teil des Gedenkens an die Opfer des NSU in Zwickau. Die Stadt Zwickau hat eine Ausstellung beauftragt und 2024 in den Priesterhäusern gezeigt:
“Zwickau und der NSU. Auseinandersetzung mit rechtsextremen Taten”

Schon aus dem Kreis der Akteure heraus wird deutlich: es gibt verschiedene Angebote mit unterschiedlichen Zugangsweisen, um möglichst viele Bevölkerungsgruppen zu erreichen. Vom Vortrag, über eine künstlerische Auseinandersetzung bis zu einem Workshop oder einer Diskussionsrunde ist vieles denkbar. Öffentlich zugängliche Formate sind dabei bisher vor allem in der Innenstadt oder Innenstadtnähe realisiert worden.

Ideen und Vorschläge, um das Erinnern zu verstetigen und gemeinsame (Bildungs-)veranstaltungen in Zwickau — aber auch im Umland — zu realisieren können an Nathalie Senf gerichtet werden.

Marie-Theres Lewe und Jörg Kubiessa im Gespräch

Gemeinsamer Austausch: Landespolizei zu Besuch im NSU-Dokumentationszentrum 

Am 10. März besuchte der sächsische Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa gemeinsam mit den

Referatsleitern sowie der Leiterin Leitungsstab der Abteilung 3 –
Öffentliche Sicherheit und Ordnung, Landespolizeipräsidium
im Sächsischen Staatsministerium des Innern,

den Dienststellenleitern bzw. deren Vertreter:innen,

dem Rektor der Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)

und den Sachbearbeiterinnen der Koordinierungsstelle Extremismusprävention und Demokratiearbeit das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex.

Begrüßt wurden sie unserseits durch die Geschäftsführung, Dr. Nora Krzywinski und Esther Gerstenberg sowie die Teamleitungen Jörg Buschmann und Elisabeth Desta und die Bildungsreferentin Marie-Theres Lewe.  

Kontinuierliche Vernetzung, Austausch und Bildungsarbeit 

Lewe arbeitet seit 2024 maßgeblich an der Vernetzung von Offener Prozess mit Ausbilder:innen und Fachlehrer:innen, sowie Bediensteten aus Polizei und Verwaltung verschiedener Dienstgrade. Ziel ist es, einen Dialog mit Institutionen zu etablieren und anhand der in unserem Haus entwickelten Bildungsmodule den NSU-Komplex aufzuarbeiten. Durch diese Bildungsarbeit sollen zum Beispiel Bedienstete der Polizei für verschiedene Diskriminierungsformen sensibilisiert werden, um Vorurteilen im beruflichen Handeln vorzubeugen und ein diskriminierungssensibles Vorgehen zu stärken. 

©SÄCHSISCHES STAATSMINISTERIUM DES INNERN

Positive Resonanz und Ausblick 2026 

Obwohl das ursprüngliche Modellprojekt im vergangenen Dezember auslief, wird die Zusammenarbeit mit den Behörden auch 2026 weitergeführt. So gab es bisher viele positive Rückmeldungen von Seiten der Teilnehmenden der Workshops und reges Interesse an der Verstetigung der Zusammenarbeit.  

Dies bestätigt auch der Besuch des Landespolizeipräsidenten am 10. März in Chemnitz: Methodik und Inhalt der Ausstellung wurden gelobt und das Zentrieren der Betroffenenperspektive als wichtige Grundlage für die Bildungsarbeit wahrgenommen. Im Vordergrund der Kooperation steht genau das: Der Wechsel von Perspektiven, der Dialog zwischen Zivilgesellschaft und Polizei, sowie das gemeinsame Lernen daraus – mit dem Ziel aus vergangenen Fehlern zu lernen. 

Fortsetzung einer erfolgreichen Reihe 

Der Termin ist die Fortsetzung einer Reihe von Vernetzungstreffen. Bereits im September 2025 diskutierte Carsten Kaempf (Leiter der Polizeidirektion Chemnitz) gemeinsam mit Marie-Theres Lewe, Zeran Osman und Valentin Lippmann auf einem Podium über die Konsequenzen aus dem NSU-Komplex sowie den Umsetzungsstand der Handlungsempfehlungen aus den Untersuchungsausschüssen.

Bild zeigt eine große Gruppe von Menschen, die im Foyer des Dokuzentrums sitzen und im Rahmen einer Veranstaltung diskutieren.

Pressemitteilung: Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex öffnet erneut für Stadt und Region

Nach dem Kulturhauptstadtjahr richtet sich das Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex in Chemnitz neu aus. Unter neuer Geschäftsführung versteht sich der Ort künftig stärker als offener Diskursort für Stadt und Region: Mit angepassten Öffnungszeiten, erweiterten Bildungsangeboten und dem Anspruch, auch jenseits des Eventjahres ein relevanter Anlaufpunkt zu bleiben.

Mit der neuen Geschäftsführung durch Dr. Nora Krzywinski und Esther Gerstenberg verbindet sich eine inhaltliche Öffnung des Hauses. Ziel sei es, das Dokumentationszentrum stärker als einen Treffpunkt bekannt zu machen, der von unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen genutzt wird – sowohl innerhalb der Stadt Chemnitz als auch im Umland, etwa im Erzgebirge.

Esther Gerstenberg begleitete das Projekt seit 2024 und ist nun Geschäftsführerin von Offener Prozess gGmbH. Sie formuliert ihr Ziel für das Projekt:

„Das Dokumentationszentrum soll ein Ort der Begegnung für die Stadtbevölkerung werden. Ein sogenannter dritter Ort, an dem Menschen zusammenkommen, diskutieren und sich austauschen können.“


Um diese Öffnung zu ermöglichen, wurden unter anderem die Öffnungszeiten angepasst, sodass auch berufstätige Menschen Veranstaltungen besuchen können. Gleichzeitig wird das Bildungs- und Veranstaltungsprogramm weiterentwickelt und thematisch breiter aufgestellt. Die Chemnitzerin sagt weiter:

„Unser Anspruch ist es, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen. Ältere Menschen aus der Region ebenso wie junge Leute, lokale Initiativen ebenso wie überregionale Gäste.“

Ein erstes Beispiel für diese thematische und gesellschaftliche Öffnung ist eine Lesung am 7. Februar 2026 im Dokumentationszentrum. Hier erzählen „die Ältesten“ aus der Chemnitzer Stadtgesellschaft von ihrem Leben.

Die Veranstaltung steht exemplarisch für das Selbstverständnis des Hauses als offener Raum für Austausch und unterschiedliche gesellschaftliche Erfahrungen.

So sollen auch Erinnerungen an die Baseballschlägerjahre im Kontext des NSU im Rahmen eines Oral-History-Projektes durch den Fachbereich Sammeln + Teilen beleuchtet werden. In Kooperation mit dem Alten Gasometer e.V. in Zwickau werden darüber hinaus gemeinsame Wege der Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit in Chemnitz und Zwickau beschritten. Für diesen Zweck wurde eigens eine Stelle eingerichtet. Auch die Zusammenarbeit mit den Angehörigen der Mordopfer wird im Rahmen eigener Veranstaltungsreihen ausgebaut.

„Neben dieser Öffnung bleibt das Dokumentationszentrum ein Ort der politischen Bildungsarbeit und fachlichen Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex“, so Dr. Nora Krzywinski, die das Projekt bereits als Geschäftsführerin des lokalen Vereins ASA-FF e. V. begleitet hat. Sie beschreibt weitere Aufgaben für das junge Jahr 2026:


„Die Begleitung des aktuell laufenden zweiten NSU-Prozesses ist dabei Teil der kontinuierlichen Arbeit, lokale Expertise zu bündeln und öffentlich zugänglich zu machen. Gleichzeitig laden wir weiterhin Schulklassen und andere Gruppen dazu ein, das Haus zu besuchen, aus der Geschichte zu lernen und an die Opfer und Überlebenden zu erinnern.“

Schluss mit der Täter-Opfer-Umkehr:

Keine Unterstützung für NSU-Terroristin Beate Zschäpe!

Petition von Semiya Şimşek, Mandy und Michalina Boulgarides und Gamze Kubaşık
An: Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, an das Bundesministerium für Justiz, an das Aussteigerprogramm „EXIT“

Demonstration in München nach der Urteilsverkündung im NSU-Prozess. ©NSU-Watch

Zehn Menschen – Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter – wurden vom rechtsterroristischen Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet. 

Wir sind die Töchter von Enver Şimşek, Theodoros Boulgarides und Mehmet Kubaşık.

Für uns ist es ein Skandal, dass wir jetzt aus den Medien von der Aufnahme der NSU-Terroristin Beate Zschäpe in ein Ausstiegsprogramm für Neonazis erfahren haben. 

Wir waren dabei, als sie 2018 unter anderem wegen gemeinschaftlichen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Das ist gerade mal acht Jahre her – und nun müssen wir erleben, wie Beate Zschäpe augenscheinlich dabei unterstützt werden soll, ihre Haftzeit möglichst kurz zu halten. 

Wir haben unsere Liebsten verloren und wurden mehr als ein Jahrzehnt vom Staat und der Gesellschaft kriminalisiert, ignoriert und im Stich gelassen. Jetzt werden wir erneut übergangen. 

Der angebliche Ausstieg ist ein taktisches Manöver: Keine einzige der über 300 Fragen, die wir im Prozess an Beate Zschäpe gerichtet haben und die uns als Hinterbliebene bewegen, hat sie bislang beantwortet. Warum wurden ausgerechnet unsere Väter vom NSU ermordet? Wer sind die – bis heute straffreien – Helfer*innen des NSU in Sachsen und an den Tatorten? Wer gehörte zum NSU und dessen Netzwerk? Gab es Kontakte zu den Sicherheitsbehörden von den Mitgliedern des NSU und denen des Netzwerkes? 

Zu einem glaubhaften Ausstieg gehört die Offenlegung des gesamten Täter*innen-Wissens gegenüber uns Betroffenen, unseren Antwält*innen und den Strafverfolgungsbehörden. Hinterzimmergespräche mit Ermittlungsbehörden und Verfassungsschutz sind kein Nachweis eines Ausstiegs. 

Dennoch hat das Aussteigerprogramm „Exit“ Beate Zschäpe aufgenommen – ohne erkennbare Reue, ohne Bruch mit der rechten Szene, ohne Beitrag zur Aufklärung. 

Wir fordern: 

  • Sofortiger Ausschluss von Beate Zschäpe aus dem Aussteigerprogramm „Exit“, solange sie ihr Wissen nicht lückenlos offenlegt. 
  • Klare Prioritäten! Unterstützung der Hinterbliebenen und Überlebenden der Mord- und Anschlagsserie des NSU und aller Opfer rechter Gewalt – rechtlich, finanziell, psychologisch und institutionell durch dauerhafte angemessene Opferrenten. 

Warum ist das wichtig?

Zwischen 2000 und 2007 wurden zehn Menschen vom rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) ermordet – neun von ihnen aus rassistischen Motiven. Es waren geliebte Menschen: Väter, Ehemänner, Söhne – und eine Tochter. Sie wurden brutal aus dem Leben gerissen. Der NSU beging außerdem drei rassistische Sprengstoff-Anschläge und 15 Raubüberfälle. 

Die Angehörigen und Betroffenen wurden danach vom deutschen Staat und der Gesellschaft allein gelassen, verdächtigt, erniedrigt und zum Schweigen gebracht. Statt Unterstützung erfuhren sie jahrelang Demütigung. Die Polizei ermittelte nicht im rechten Milieu, sondern gegen die Familien der Opfer und die Überlebenden der Anschläge. Wohnungen wurden durchsucht, erniedrigende Fragen gestellt und die Hinterbliebenen und Betroffenen zu Verdächtigen gemacht. 

In der Öffentlichkeit galten die Ermordeten, ihre Familien und die Überlebenden als Kriminelle. Sie konnten nicht trauern, ihr Schmerz wurde ignoriert, ihre Würde mit Füßen getreten. Gleichzeitig waren sie systematischem institutionellen Rassismus ausgesetzt, der sich in vorgefassten negativen Annahmen, diskriminierenden Ermittlungspraktiken und einem grundlegenden Misstrauen gegenüber den Betroffenen manifestierte. 

Auch nach der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 hörte das Unrecht nicht auf: Es gab kaum echte Aufklärung, zahlreiche Akten wurden vernichtet, politische Verantwortung blieb aus. Statt Anerkennung und Unterstützung erfuhren die Betroffenen erneut Kälte, Schweigen und Abwehr. Viele kämpfen bis heute mit den seelischen, sozialen und finanziellen Folgen – ohne ausreichende Hilfe vom Staat.

Und nun wurde die NSU-Terroristin und verurteilte zehnfache Mörderin Beate Zschäpe in ein Ausstiegsprogramm für Neonazis aufgenommen. Eine Frau, die bis heute keine echte Reue gezeigt hat. Die in ihrer Aussage im NSU-Prozess einem traurigen Weihnachtsfest aufgrund von Streit mit ihren Mittätern mehr Platz einräumte als den Familien, die durch ihre Taten zerstört wurden. Beate Zschäpe hat den Kontakt in die rechte Szene aufrecht erhalten und schützt sie bis heute, weil sie zwar aussagt, aber keine Informationen liefert. Sie lügt nachweislich oder kann sich angeblich nicht erinnern. Für die Angehörigen ist das keine Resozialisierung – es ist ein erneuter Verrat. 

Es ist unerträglich: Täter*innen bekommen Perspektiven, Unterstützung und Fürsorge – die Opfer und ihre Familien werden nicht ernst genommen. 

Ein Staat und eine Gesellschaft, die sich ernsthaft gegen Rechtsextremismus stellen, dürfen nicht länger Täter schützen und Betroffene ignorieren. 

Gerechtigkeit beginnt mit Zuhören – und mit echtem Handeln. 

Statement der Geschwister Boulgarides

Zur Aufnahme Beate Zschäpes in das Neonazi-Aussteigerprogramm

München, 6. August 2025

Ich, Mandy Boulgarides, Tochter von Theodoros Boulgarides, der 2005 in München durch den
rechtsterroristischen NSU ermordet wurde, bin erschüttert und wütend über die Nachricht, dass Beate
Zschäpe – verurteilte Mittäterin der NSU-Mordserie – in ein Neonazi-Aussteigerprogramm
aufgenommen werden soll.

Dieses Vorhaben ist ein Skandal. Es zeigt erneut, wie dieser Staat Täter schützt, ihnen Wege öffnet
und „Resozialisierung“ ermöglicht – während wir Hinterbliebenen, Überlebenden und Angehörigen
seit Jahren ignoriert, vertröstet und im Stich gelassen werden.

Zschäpe wurde zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Dennoch scheint
genau das nun durch die Hintertür aufgeweicht zu werden – durch ein mit Steuergeldern finanziertes
Programm, das ausgerechnet einer ideologisch gefestigten Rechtsterroristin offensteht.
Beate Zschäpe hat ihr Recht auf Hilfe durch den Staat verwirkt – so wie es mit jeder Person
geschehen muss, die extremistischen oder terroristischen Strukturen hilft, sich daran beteiligt oder
Taten begeht. Der Rechtsstaat darf nicht zum Fürsorgestaat für Täter werden, während er die
Opfer alleinlässt.

Diese Frau zeigte über zwei Jahrzehnte keinerlei Reue, diente der Aufklärung in keiner Weise und
hat sich auch im Prozess nie wirklich zu ihrer Verantwortung bekannt. Stattdessen klagte sie in ihrer
Aussage über ein trauriges Weihnachten – weil sie keine Geschenke bekommen hatte – während
ihre Komplizen Mundlos und Böhnhardt davor und danach Menschen ermordeten. Dieses Maß an
Selbstmitleid, Realitätsverweigerung und moralischer Kälte ist erschütternd – und es ist nicht
rehabilitierbar durch ein staatlich finanziertes Programm.

Während Zschäpe auf unsere Kosten psychologische Betreuung, Schutz und neue Perspektiven
erhält, kämpfen wir, die Betroffenen, bis heute alleine. Es gibt keine flächendeckende
psychologische Hilfe, keine sichere finanzielle Unterstützung, keinen Rechtsbeistand, keine aktive
politische Begleitung – nur Bürokratie, Wegsehen und Gedenkworte, wenn es gerade passt.
Der politische Umgang mit dem NSU ist und bleibt ein Armutszeugnis für diesen Staat. Bund und
Länder haben versagt. Sie haben versagt in der Aufklärung, sie haben versagt im Schutz vor rechtem
Terror, sie haben versagt in der Anerkennung und Unterstützung der Betroffenen.

Wir als Familie verachten diese Entscheidung. Sie ist Ausdruck einer Politik, die Täter integriert
und Opfer marginalisiert. Die respektlose Behandlung von Hinterbliebenen geht weiter – kühl,
kontrolliert, aber konsequent.

Wir fordern:

Eine konsequente und nachhaltige Unterstützung für Opfer rechter Gewalt – psychologisch,
rechtlich, finanziell und institutionell.

Eine sofortige Offenlegung und unabhängige Prüfung der Entscheidung, Beate Zschäpe in ein
Aussteigerprogramm aufzunehmen.

Einen sofortigen Stopp jeglicher Vergünstigungen oder Hafterleichterungen für sie.

Eine klare politische und juristische Haltung: Wer sich an terroristischen Strukturen beteiligt,
verliert das Anrecht auf staatliche Fürsorge.

Solange Täter geschützt und versorgt werden,
während wir schweigend weitermachen sollen, ist von Gerechtigkeit keine Rede.

Newsletter

Verpassen Sie keine aktuellen Infos, Veranstaltungen und Einblicke vom NSU-Dokumentationszentrum.

Johannisplatz 8
09111 Chemnitz
E-Mail: info@offener-prozess.de